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Energiewirtschaft - Interview mit Dr. Kurt Mühlhäuser

Potenziale für Stadtwerke

Innovationen und Nachhaltigkeit sind Schlagworte, mit denen sich manche Marktteilnehmer gerne schmücken, allerdings ohne diese Wörter mit Inhalten zu füllen. Dabei bietet innovatives und nachhaltiges Handeln gerade für Stadtwerke enorme Chancen. Richtig angewandt können alle Beteiligten ihren Nutzen daraus ziehen. h [energie] wollte mehr über die praktische Umsetzung und vorhandene Strategien erfahren und sprach dafür mit Dr. Kurt Mühlhäuser, Vorsitzender der Stadtwerke München (SWM) Geschäftsführung.

Herr Dr. Kurt Mühlhäuser, Innovationen und Nachhaltigkeit – wie können Stadtwerke damit punkten und wie müssen aus Ihrer Sicht diese Inhalte aussehen?

Stadtwerke sind die Energiespezialisten vor Ort. Ihr größtes Potenzial beim Klimaschutz liegt bei der Energieerzeugung und der Energieeffizienz. Deshalb setzt die Energiestrategie der SWM auf einen intelligenten Mix aus umweltschonender Kraft- Wärme-Kopplung und regenerativen Energien. Natürlich ist aber die beste Energie diejenige, die gar nicht verbraucht wird. Darum unterstützen wir unsere Kunden auch umfassend beim Energiesparen.

Deutschland wird grüner, auch wenn über die Geschwindigkeiten dieses Prozesses gestritten wird. Welchen Nutzen können regenerative Energien für Stadtwerke bieten, auch in Bezug auf Kundenneugewinnung und Kundenbindung und welche Kommunikationsstrategien sind dafür notwendig?

Ein Engagement im Bereich der erneuerbaren Energien und der Energieeffizienz kann natürlich das Image eines Unternehmens positiv beeinflussen und so zur Kundenbindung oder neugewinnung beitragen. Entscheidend ist es aber nicht, sich mit dem Öko-Engagement einen grünen Anstrich zu geben, sondern tatsächlich dem Klimawandel zu begegnen. Dieser ist die größte Herausforderung unserer Zeit und wir können ihm nur gemeinsam entgegenwirken. Ich kann daher nur an alle appellieren, ihre Verantwortung ernst zu nehmen und jetzt zu handeln. Wir als SWM nehmen dabei eine Vorreiterrolle ein. Bis 2025 werden wir soviel Ökostrom in eigenen Anlagen produzieren, dass wir damit den Verbrauch ganz Münchens decken könnten. München wird damit weltweit die erste Millionenstadt sein, die dieses Ziel erreicht. Zur Realisierung haben die SWM die Ausbauoffensive Erneuerbare Energien gestartet. Und das mit sehr großem Erfolg: Mit den bereits angestoßenen oder realisierten Projekten verfügen wir nach deren Fertigstellung über eine Erzeugungskapazität von rund 2,4 Milliarden kWh Ökostrom in eigenen Anlagen. Damit werden wir dann unsere Ökostrom-Produktion versiebenfacht haben. Insgesamt werden wir in den Ausbau der Erneuerbaren rund 9 Milliarden Euro investieren.

Die Fernwärme spielt im deutschen Energiemarkt nur eine Nebenrolle. Laut Ihres Geschäftsberichts 2009 werden bei Ihnen 70 Prozent des Stroms durch Kraft-Wärme-Kopplung erzeugt. Welche Potenziale erkennen Sie bei diesem Thema?

Im KWK-Prozess gewonnene Fernwärme ist praktizierter Klimaschutz. Die SWM setzen schon seit Langem auf diese umweltschonende Energieversorgung – alleine seit 2002 haben sie in ihren Ausbau rund 500 Mio. € investiert – und leisten damit einen wesentlichen Beitrag zur Reduzierung des CO2-Ausstoßes: Durch die Nutzung der Abwärme aus der Stromerzeugung als Fernwärme stehen in München rund vier Milliarden Kilowattstunden umweltschonend erzeugte Heizenergie zusätzlich zur Verfügung. Um diese Menge an Heizenergie durch ölbetriebene Hausheizungen zu erzeugen, wären circa 450 Millionen Liter Heizöl nötig. Bei ihrer Verbrennung würden etwa 1,1 Millionen Tonnen Kohlendioxid zusätzlich die Münchner Luft belasten. Wir werden die Fernwärmeversorgung noch weiter ausbauen und dafür in den nächsten Jahren über 200 Millionen Euro investieren. Insgesamt rechnen die SWM in den nächsten mzehn Jahren mit einem Neuanschlusswert in Höhe von 700 Megawatt. Das entspricht einem Zuwachs von rund 25 Prozent.

Wie sieht es mit dem Bereich e-mobility aus?

Aufgrund unserer ökologischen Ausrichtung und auf Basis unserer Ausbauoffensive Erneuerbare Energien engagieren wir uns auch im Bereich der Elektromobilität. Denn mit Ökostrom betriebene Kraftfahrzeuge haben keinen CO2-Ausstoß und können so einen wichtigen Beitrag zur Schadstoffreduktion in unseren Städten leisten. Wir haben daher 2010 rund 100 Ökostrom-Ladestationen im Münchner Stadtgebiet errichtet. Beim Ausbau der Elektromobilität arbeiten wir auch mit renommierten Partnern zusammen, z. B. mit BMW, Siemens, Audi, E.ON, der Technischen Universität München sowie der Park & Ride GmbH und sind auch Partner von ladenetz.de. Mit dieser Kooperation wachsen die Modellregionen und Modellprojekte stärker zusammen. Zudem wird Doppelarbeit konsequent vermieden. Die Erfolge, die z.B. in der Modellregion München erzielt wurden, werden nun in die Fläche getragen. Übrigens: Als Betreiber von U-Bahn und Tram haben wir bereits eine 115-jährige Erfahrung mit der Elektromobilität. Bereits 1895 fuhr die erste Tram elektrisch. Heute sind über 80 Prozent unseres Verkehrsangebots mit U-Bahn und Tram gelebte Elektromobilität.

Anfang des Jahres 2011 haben dutzende Versorger die Strompreise im Schnitt um 6,9 Prozent angehoben. Begründet wird dies u.a. mit steigenden Abgaben für Ökostrom. Eine etwas fadenscheinige Begründung, oder etwa nicht?

Sicherlich haben Sie Verständnis dafür, dass ich die Preispolitik anderer Unternehmen nicht kommentiere. Die SWM hat die Preise für ihre Privatkunden zum 1. Januar nicht geändert. Fakt ist, dass die EEG-Umlage deutlich gestiegen ist. Fakt ist auch, dass die notwendige Energiewende nicht umsonst zu haben ist und Geld kostet, das vom Kunden zu bezahlen ist. Jedoch ist dieses Geld sinnvoll angelegt, auch volkswirtschaftlich. Denn die Bekämpfung des Klimawandels ist deutlich günstiger, als die durch ihn verursachten Schäden zu reparieren.

Im Umkehrschluss: War die Entscheidung zur Laufzeitverlängerung der Atom-Meiler richtig und sinnvoll, um den Strompreis stabil zu halten?

Das wird nicht entscheidend sein. Das hängt meiner Ansicht nach viel mehr von der Entwicklung des Ölpreises sowie des Kohle- und des Erdgaspreises ab. Die SWM haben sich immer gegen eine Laufzeitverlängerung für Atomkraftwerke ausgesprochen und halten sie für einen Fehler. Wir befürchten, dass dadurch der Ausbau der regenerativen Energien gebremst wird.

Wie sieht langfristig gesehen Ihre Strategie aus? Strom selbst erzeugen oder zukaufen? Welche Möglichkeiten könnte Ihnen die Rekommunalisierung bieten, wie könnte eine Einbindung der Bürger, z.B. in Form von Bürgerbeteiligungsanlagen, aussehen?

Wie schon gesagt, bauen wir die regenerative Erzeugung in gewaltigem Umfang aus. Darüber hinaus haben wir ein professionelles Portfoliomanagement für alle Commodities aufgebaut. Damit sind wir nicht nur in der Lage, preis - und risikooptimiert zu beschaffen, sondern ermöglichen auch dem Vertrieb, die Bedürfnisse unserer Kunden bestmöglich abzudecken. Insbesondere die Anforderungen unsere Großkunden nach strukturierten Beschaffungsmodellen können wir so mit unseren Vertriebsprodukten optimal erfüllen. Die Realisierbarkeit von Bürgerbeteiligungsanlagen prüfen wir derzeit genauso wie die teilweise Finanzierung unserer Ausbauoffensive Erneuerbare Energien über Öko-Sparbriefe unserer Kunden.

Wie müssen sich die Stadtwerke künftig auf dem Markt präsentieren? Worauf müssen sie setzen und ist das von der Bundesregierung vorgelegte Energiekonzept Ihren Zielen förderlich?

Stadtwerke müssen sicherlich ihre Stärken als der Versorger vor Ort ausspielen, der – im Gegensatz zu unpersönlichen Energieriesen – nicht für den Profit von Aktionären wirtschaftet, sondern für das Gemeinwohl. Wir als SWM befürchten durch das Energiekonzept eine Verschlechterung der Rahmenbedingungen sowohl für die Erneuerbaren Energien als auch für die Kraft-Wärme- Kopplung. Hier wurde von der Bundesregierung zu Gunsten von vier Großkonzernen Politik gemacht, auf Kosten der kommunalen Versorger. Wir werden aber trotzdem an unserer Strategie und an unseren Zielen festhalten.

Vielen Dank für das Gespräch!

Ausgabe η[energie] 1 / 2011

Dieser Artikel wurde veröffentlicht in der Ausgabe η[energie] 1 / 2011.
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